Freitag, September 03, 2004

Tagesspiegel Online : Die Hartz-Gewinnler

Sie gehen auf Montagsdemos und drucken Plakate mit der geballten Arbeiterfaust – wie DVU und NPD um Stimmen im Osten werben Seit dem 13. Juni hat Sascha Wagner viel zu tun. Der ehemalige Skinhead und langjährige Funktionär der Nationaldemokratischen Partei Deutschlands sitzt in einem Büro der NPD-Zeitung „Deutsche Stimme“ in Riesa und telefoniert. Wagners Büro dient auch als Schlafzimmer, hinter der Tür steht ein benutztes Bett – man muss Opfer bringen in Zeiten des Wahlkampfs. „Ihr müsst gegen drei losfahren, dann seid ihr um zwölf im Zielgebiet“, sagt er feldwebelmäßig in den Hörer. An der Tür hängt ein Plakat: „Wo trifft sich der Volkssturm? Im Holzwurm – das Szenelokal in der Nationalbefreiten Zone Muldental“. Im Holzwurm gibt es „nationale Tonträger“, „Mädels haben freien Eintritt“. Am 13. Juni hat die NPD bei den sächsischen Kommunalwahlen ihre Stimmen in Riesa verdreifacht. Zwar erreichte sie keine zweistelligen Wahlergebnisse wie in einigen Orten der Sächsischen Schweiz, aber immerhin 8,8 Prozent. „Und bei den Wahlen jetzt werden das noch mehr“, glaubt Wagner. Im Hof packen vier Männer eine Ladung NPD-Plakate in ein Auto. Am 19. September stimmen Sachsen und Brandenburger über ihre neuen Landtage ab. Politiker und Meinungsforscher prophezeien angesichts des Widerstands gegen HartzIV massive Stimmenzuwächse für die PDS – aber die Strategen der rechten Parteien denken nicht daran, die so genannten Protestwähler den Linkssozialisten zu überlassen. Letztlich buhlen beide Lager um das gleiche Wählerpublikum. Bei der Montagsdemo gegen HartzIV in Riesa sind Wagners Kameraden mitmarschiert. Das rote „NPD“ auf ihren Wahlplakaten sieht von Weitem aus wie „KPD“, darunter die geballte Arbeiterfaust. „Quittung für Hartz IV. Jetzt NPD“ steht da.

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