Montag, Dezember 05, 2005

Frankfurter Rundschau online: Opfer der eigenen Geschichte

Wladimir Putins offizielles Russland sieht sich als 'Land nach der Katastrophe' / Aufwind für Rechtsextreme In Sankt-Petersburg wurde wieder ein "Nicht-Russe" ermordet. Timur Kucharawa, 20 Jahre alt, Student der Staatlichen Universität Sankt-Petersburg wurde gegen 19 Uhr auf einer der zentralen und sehr lebendigen Strassen Opfer eines Anschlags einer Gruppe von etwa 10 Rechtsradikalen, zwischen 17 und 20 Jahre alt. Als später die Polizei ankam, waren alle Angreifer längst weg. Der Anschlag wird gedeutet als ein Racheakt für das Engagement des Opfers gegen die Verbreitung der rechtsradikalen Gesinnung: Timur Kacharawa war ein Musiker und trat mit seiner Band gelegentlich auf antifaschistischen Veranstaltungen auf. Er ist eines der vielen Opfer der so genannten Verbrechen mit rassistischem Hintergrund. Kein Monat vergeht in Petersburg, ohne dass "nicht russisch" aussehende Menschen auf der Straße oder in öffentlichen Verkehrsmitteln zusammengeschlagen oder gar getötet werden. Noch vor fünf Jahren wäre im postsowjetischen Russland diese erschütternde Statistik undenkbar gewesen. (...) Der gekränkte postimperiale Selbstwert ist ein allzu guter Nährboden für den Rechtsradikalismus. Daher wussten am 4. November nur die rechtsradikalen Parteien, was zu feiern ist: Der rechtsradikale Marsch in Moskau (ca 3000 Teilnehmer) war die einzige politische Kundgebung an diesem Tag - angeblich zur großen Überraschung der politischen Entscheidungsträger. Umso schlechter. Denn die Hilflosigkeit, die jedoch immer wieder in einer Billigung oder gar Förderung mündet, bedeutet das stetige Wachsen der Statistik der offenen rechtsradikalen Delikte auf Russlands Straßen. Der hilflose und verlogene offizielle Umgang mit der Geschichte kann nur entfremdend wirken. Er erschwert es zusätzlich, ein neues Selbstbewusstsein zu entwickeln, und führt dadurch unumgänglich zum Ansteigen der Gewalt.

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