Montag, Dezember 05, 2005

Polen als Schatten deutscher Geschichte (, NZZ Online)

Angela Merkel, die neue deutsche Bundeskanzlerin, hat am Freitag im Zuge ihrer aussenpolitischen Antrittsvisiten das grosse östliche Nachbarland Polen besucht. Was in der Reihe der ersten Präsenzmarkierungen wie ein Routinevorgang erscheinen mag, ist in Wirklichkeit eine äusserst heikle Angelegenheit, denn das deutsch-polnische Verhältnis ist alles andere als harmonisch. Es unterliegt vielerlei Spannungen und Irritationen, und zwar aus der Sicht beider Länder. Vor diesem Hintergrund ist es an sich schon eine gute Sache, dass Merkel so kurz nach ihrem Amtsantritt die Reise nach Warschau unternimmt. In Polen werden solch symbolhafte Gesten als Beweis dafür empfunden, dass man in Berlin ernst genommen wird. Dieses Gefühl war längst nicht immer vorhanden. (...) Noch gravierender aber ist aus polnischer Sicht die anhaltende Diskussion um die Flucht von Millionen von Deutschen zum Ende des Zweiten Weltkriegs, die stets als Vertreibung bezeichnet wird. Gerade Merkel hatte sich immer wieder ausdrücklich für die Errichtung eines «Zentrums gegen Vertreibung» in Berlin eingesetzt, mit dem an die Millionen von Flüchtlingen in ganz Europa erinnert werden soll. Nun ist es kein Geheimnis, dass damit primär dem Bedürfnis vieler Deutscher entsprochen werden soll, nach Jahrzehnten des Verdrängens endlich auch sich selbst als Opfer von Verbrechen betrachten zu dürfen. Dies ist verständlich, trägt aber den Keim des Verdachts in sich, man wolle damit die deutsche Schuld am Zweiten Weltkrieg relativieren. Kein noch so überzeugendes Dementi wird den Argwohn in den betroffenen Ländern entkräften, umso mehr als in Kreisen deutscher Vertriebener beziehungsweise von deren Nachfahren noch immer mit Entschädigungsforderungen und anderen Ansprüchen hantiert wird.

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